Und der Norden ruft

20140612_132600Abschied von meiner Freundinn am Plöner See. Sie fährt nach links, Richtung Flensburg und hinauf bis Dänemark und  ich fahre nach  rechts,  Richtung Timmendorfer Strand ….

Sechs Jahre bin ich alt und für sechs  Wochen im Kinderheim, allein, fast allein, denn meine Schwester ist auch da. Aber ich bin trotzdem allein … ich habe Windpocken und während die anderen Kinder draußen spielen und am Strand rumtoben, liege ich in einem kleinen Dachzimmer im Bett….huhuhu…. Selbst meine Schwester darf nicht zu mir! Ich schreibe ihr Briefchen, „bitte gib das meiner Schwester“, sage ich zu Tante Amalija. Sie hieß anders, aber den richtigen habe ich vergessen.  Sie  nickt, aber schaut mich nicht an, sondern nur meinen Rücken, der mit vielen kleinen roten Pusteln übersät ist.  „Nicht kratzen und nicht weinen“, sagt sie, dreht sich um und geht. Die Tür fällt ins Schloß und ich liege in den weißen Kissen und heule und heule. Erst spät abends kommt wieder jemand und bringt mir Tee.

20140612_131758 20140612_131908 Bitterböse bin ich als ich nach drei Wochen wieder hinunter darf. Meine Schwester würdige ich keines Blickes, denn sie hat mir nicht geantwortet.  Und  ich werde noch grantiger, als schließlich die anderen Kinder, die ich ja angesteckt hatte, alle zusammen unten in dem Wintergarten in ihren weißen Betten liegen und durch die Scheiben  viel Quatsch mit den anderen Kindern machen.  Keiner redet mit mir und ich rede auch mit keinem.

20140612_132215Erst sehr viel später erfahre  ich  von dem Drama, das sich dort oben an der Treppe vor meinem Zimmer  abgespielt hat; erfahre, wie meine Schwester, selber auch erst 7 Jahre alt,  dort saß und bettelte,  zu mir zu dürfen. Man übersah sie einfach, schickte sie weg und so war auch sie alleine mit ihrer so großen Sorge um  mich.  Unsere Briefchen verschwanden in den Schürzentaschen der Tanten und irgendwann versiegten auch unsere Tränen. Tja, das waren damals noch Erziehungsmethoden. Kinder wurP1020227den in ihrem Fühlen nicht ernst genommen.

Das Kinderheim steht noch, neu renoviert und ist ein Mutter-Kind-Heim geworden.

Ich schnaufe noch ein paar Mal tief durch, laß die Bilder an mir vorbeiziehen und freue mich, daß heute die Kinder mit ihren Müttern zusammen dort spielen können.

Weiter gehts an der Küste, die ich leider nur selten sehe. Die Sträßchen führen durch wunderschöne Kornfelder, Krüppelwälder und wenn ich die Ostsee sehe, ist sie grauweiß ….. der Strand, schöner feiner Sand mit vielen, vielen Strandkörben und gleich daneben die Flaniermeile, die es in jedem Ostseebad gibt. Laden und Lädchen, Pizzerias und Fischbuden, Ansichtskarten, Sonnencreme und dazwischen “ Strandkorb zu vermieten”. Noch sind sie alle leer und die Sonne versteckt sich immer wieder hinter den Wolken, weiße, graue und ab und zu dunkelschwarze.

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P1020243Mit meinem Rad erforsche ich die Gegend und irgendwann mal ist es doch immer wieder gleich …. heller Sand, Krüppelwald, Strand, Korb und Körbe, ab und zu ein Hund und ein Menschlein. Ansonsten graues P1020232Meer, Wind und der Duft von Algen …. oh ja, das kenne ich von damals, genauso hat es gerochen, nach diesen Algen. Ich hänge den Erinnerungen nach und zu dem Duft der Algen gesellt sich noch der Geruch von Griesbrei mit Nüssen und Honigsemmeln.

Kurz vor Wismar finde ich einen schönen Übernachtungsplatz am Ostseeradweg. Eine kleine Botzeit draußen, ein kleiner Spaziergang zum Wasser, nochmal Algen riechen und dann mit einem Buch hinein in mein Brummeli.

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