oder immer noch Sandsturm und ein Plätzchen nahe Karaa
8.-9.1.
Im heiligen Gral einer Bergkette,- rotgelbschimmernd im Morgenlicht. Die Sonne braucht etwas, bis sie zu mir herunter gekrabbelt ist. Große nixige Weite. Es ist wieder einer der Morgenden an denen ich fast ewig vor mich hinträumen könnte. Es erinnert an die Zeit kurz nach dem Tod von Fritz, auf denen ich morgens auf der Couch saß – stundenlang. Nixtun, fühlen, träumen – eine Art Zwischenwelt. Nicht ganz hier und nicht ganz dort – unendlich reich an inneren Eindrücken, die aber kaum faßbar sind. Nebulös verhangen, so als ob man in einem Traum umeinander wandert. Das, was ich heute aus dieser Welt mitnehme ist ein guter Satz: Ich bin noch nicht fertig, ich muß noch ein bißchen auf dieser „einsamen Insel“ verweilen.
Glücklicherweise kann ich das auch und die Westsahara bietet mir dafür den besten Raum. Und so stehe ich in meinem herrlich heiligen Gral und nehme mir die Zeit, die Leben von mir will. Keine äußeren spektakulären Ereignisse, nur inneres Vorbereiten und Aufräumen. Schon lange schon habe ich ja keine Ahnung mehr, kein wirkliches Ziel oder etwas, das ich erreichen müßte. Ich treibe einfach dahin. In unserer heutigen Welt mit den eng getakteten Aufgaben und Pflichten eigentlich ein No-go. Aber mich zieht ein dicker Faden, oder ist es nur die kleine dünne Nylonsschnur aus meinem gestrigen Traum, die mich herzieht zu einem Platz an dem das „keine Ahnung“ dick in den Sand gemalt ist.
Muß ich denn Ahnung haben? Muß ich denn wissen? Muß ich zielorientiert durchs Leben gehen? Eigentlich, ja eigentlich wird die ganze Art, wie man Leben so lebt auf den Kopf gestellt. All die Vorstellungen rinnen wie Sand durch meine Hand, dahin zurück wo sie herkamen. Und meine Hand bleibt leer. Noch nicht ganz, denn ein paar Krümmelchen haben sich unter Fingernägeln und in den Zwischenräumen der Finger verborgen. Auch die gilt es zu entdecken und der Erde zurück zu geben. Deshalb muß ich noch ein bißchen auf dieser „einsamen Insel“ verweilen. Einsam fühle ich mich nicht, eher priviligiert, dass ich das so leben darf.
Was für ein Morgen! Keine Ahnung und „Ich verstehe“ liegen so eng beieinander.
Und die normale Welt? Der Sandsturm hatte mich im Griff. Aber unten in meiner geschützten Dakhlabucht ist es gut und nicht ganz so kalt, wie oben in diesem Nordostwind. Der Himmel noch sandgeschwängert, also gibt es nur eine Einkaufstour nach Dakhla und wieder zurück zu meinem Platz. Für Momente kommt die Sonne durch die Sandwolken.
Ich könnte doch Richtung Bir Anzarane fahren, so meine Idee und im großen Bogen zurück zur Küste. Komme durch Bergbaugebiet. Hier werden irgendwelche Mineralien abgebaut. Die LKWs grüßen mit Blinken, Winken oder einem Hupengruß. Ich winke zurück. Viele Womos gurken hier wohl nicht umeinander.
Eine Hügelkette und noch eine. Sandkörnchen in den Wolken über mir. Und gen Osten werden sie mehr. Hhhmmm, eigentlich viel zu schade, denn ich würde doch gerne die Umgebung sehen. Nach 30 Kilometer entscheide ich zurück zu fahren. Das muß ich bei schönem Wetter machen. Ein paar Pisten rechts und links werden noch ausprobiert. Alte Ruinen eines ehemaligen Dorfes erkundet, den Kamelen zu ihrem „Futtertrog“ gefolgt und die Weite erahnt.
Es ist kalt geworden,- für meine Verhältnisse richtig kalt. Nordostwind!!!! In der Mitte dieser Umfahrung der Karaa-Bucht biege ich auf eine Piste ab, die zu den Hügeln führt. Einmal rauf und runter und dann links hinauf in ein Nebental zu meinem sog. heiligen Gral.
Sorgsam suche ich nach einer windgeschützten Ecke. Eng angekuschelt an den Berghang findet Brummeli seinen Platz. Der Wind hat die Sandkörner vertrieben und der Himmel ist wieder blau. Hier gibt es auch weniger Sand zum Aufwirbeln. Sternenklare Nacht und nur noch ein Fenster offen!



















