Hirtenleben, Großfamilie und „Ziegenessen“

oder ein Tag am See und die Mentalität der Menschleins hier

 

5.5.

Blauer Himmel über dem See, ein Hirte neben mir und eine Sonne, die sich mal wieder in ihrer Pracht zeigt. Ich häng noch ein bißchen den Gedanken und Eindrücken von gestern nach. Der Hirte schweigt. Ich bring ihm eine Tasse Kaffee hocke einen Moment neben ihm unter der großen Pinie. Wir schauen in die Weite, jeder mit seinen Gedanken. Die seinen kenne ich nicht, ahne sie auch nicht. Ziegen grasen und er ist es wohl gewohnt lange alleine irgendwo in die Weite zu schauen. Vielleicht braucht das Leben manchmal nur ganz wenige bis gar keine Worte. Hirtenleben abseits des Trubels schwingt ein bißchen anders, zumindest in meiner Vorstellung. Und ob meine Gedanken in seine Welt passen, weiß ich nicht. Zwei Menschleins unter einer Pinie am Morgen.

 

 

 

 

 

Dann ziehe ich mich wieder zurück. Seine Gedanken offenbart er mir etwas später mit eindeutigen Gesten. Schade, die Romantik kriegt einen Riß und es fühlt sich so an, das ich mehr als Objekt, denn als Mensch gesehen werde. Eine Mentalität, die nicht die meine ist. Das energische Nein wird respektiert, trotzdem blöd.

Und gestern: In einer Regenpause wasche ich dann doch und lass die Tshirts im Brummeli baumeln. Um vier Uhr wandern wir hoch zum Ziegenessen. Eindrucksvoll und ganz normal. Für einen Moment teilen wir das Leben dieser Menschen, die für uns auftischen. Gäste sind wir Brüder und Schwestern, sie machen keinen Unterschied. Ihr Haus liegt hoch oben am Berg mit Weitblick über den ganzen See. Hier entgeht keiner ihren Argusaugen.

 

 

 

 

 

Irgendwann kommen auch die Frauen dazu in ihrer ganzen Natürlichkeit und auch der Onkel schlurft heran. Großfamilie, die zusammen gehört und selbstverständlich füreinander da ist. Schicksale wabern für einen Moment über den Tisch. Terrorangriffe. Und trotzdem haben sie so lebendige und frohe Augen mit den Lachfalten. Sie nehmen einfach den Moment des Lebens, so wie er ist. Rakia macht die Runde und ich staune nicht schlecht, wieviel da in die Einzelnen hineinpaßt. Kritische Themen kommen kurz um die Ecke, Politische werden gestreift und Religiöses so ausgelegt wie es paßt. Moderne Moslems. Ist es instinktiv, das wir Frauen uns mehr zurückhalten? Ohne Jonas, dem Mann in der Runde wäre diese Einladung nicht möglich gewesen.

 

 

 

 

 

Vor allem ich als Alleinreisende muß Abstand wahren. Einfach in meiner Herzlichkeit so sein wie ich bin, geht hier nicht. Männer sind anders gepolt und die Frauen trifft man alleine nicht. Ich muß schauen das ich Plätze weit weg von Dörfern finde, da wo wirklich keiner ist. Und wieviel und wie lange ich hier im Osten rumgurke steht in den Sternen. Göbeliktepe ist ein Ziel, der Van -See ein nächstes und dann zurück. Ich fühl mich nicht ganz so entspannt wie in Marokko.

 

 

 

 

 

Und so fahre ich sehr schnell am Morgen weiter, die Ruhe und Besinnlichkeit zum Blogschreiben fehlt. Irgendwo auf einen Parkplatz nahe der Straße mit Blick auf den See folgt mein zweiter Morgenkaffee mit genauem Hinschauen. Spüren wo es weiter lang geht und nicht mein Wollen überstülpen. Vorsicht und ein bißchen Hab-acht-Gefühl rücken innerlich näher, das nehme ich so bewußt wahr. Vor allem darf ich nicht zu lange bleiben, es könnte mißverstanden werden.

Allein sein wird vielleicht als Mangel interpretiert. Das es genau das Gegenteil davon sein kann ist viellleicht nicht vorstellbar für die, die fest in Beziehungsnetzen leben, eingebettet in ihren Großfamilien und dort Lebensglück finden. Ein anderer Lebensentwurf ist zu weit weg von der Normalität ihres Daseins, das den Mustern der Tradition folgt. Es ist gut unterwegs zu sein.