Sandsturm und Zwielicht

oder warum sind wir Menschen, so wie wir sind?

18.1.

Dicke große Wolken fegen über karge Weite, der Himmel fahlgelb. Körner wild aufgewirbelt. Sie tanzen nicht mehr. Der Wind heult und treibt sie weiter. Wohin? Ich weiß es nicht. „Bleib“, ertönt eine klare Stimme. „Nicht weglaufen“. Der Sturm ist da und du bist mitten drin. Schau hin und schau ihn wirklich an. Da stehe ich mit Händen vor dem Gesicht und wisch mir eine Träne ab. Was hat mich so tief berührt? Ein Satz, behutsam in meine Hände gelegt, als Antwort auf den Schützengraben. „Hier entsteht die Welt, wo sie sich selbst verletzt, wenn Stille fehlt.“ Das ist gnadenloser Sturm.  Warum sind wir Menschen so?

 

 

 

Ich fahre weiter. Der Wind folgt, das wilde Geheule ein bißchen milder. Ein sandig weites Flußbett, unten in der Mitte ein rotschimmender Berg. Ich darf ich bleiben. Es wird dunkel und der Wind bleibt ruhig bis zum Morgengrauen, bis zu der Zeit in der Sternenlicht verblasst und die schwarze Nacht grau wird. Fast kein Morgenschimmer.

Und da fegt er wieder. Sandkörner spiralförmig aufgewirbelt huschen übers Land und er huscht um mich herum, klopft an. „Laß mich rein“. Ich tu so, als würde ich ihn nicht hören. Er wirbelt stärker und schaut von oben durch mein Dachfenster. Laß mich rein. Diesmal keine Bitte mehr, sondern ein Muß. Ich laß ihn ein. Da ist sie wieder diese große Schwere der Wolken. Er hat sie mitgebracht und breitet sie vor mir aus. Mach die Tür auf und steig tiefer hinab, höre ich flüsternd. Ich schließe meine Augen und folge Stufen in einen dunklen Gang.

Felswände glatt in den Stein gehauen, die Wände rauh, die Stufen abgenützt von den vielen Füßen, die hier schon immer entlang gelaufen sind. Ich höre sie trappeln. Leises murmeln, dann wieder nur das Huschen der Gewänder über einfachen Stein. Ich folge ihnen, schwer beladen mit dem Gewicht der Wolken. Der Gang öffnet sich zu einem großen Halbrund. Fades Licht von irgendwo, kleine Steinkammern. Eine für jeden. Still sitzen wir auf hartem Stein. Gleichmäßiges Atmen. Eingestimmt auf den Rhythmus wird er zu einem Atem, zu einer Bewegung, gleichmäßig fließend. Tränen rollen. Und wieder die Worte, warum sind wir Menschen so? Ich habe keine Antwort. Ich weiß es nicht. Muß ich es wissen?

Tiefe Sehnsucht nach Zurück drängt nach vorn. Nicht nach oben in das Laute, sondern tiefer in den Raum. Ein Raum, in dem das Licht noch nicht geboren wurde und Sterne am Horizont verblassen. Keine Worte.

 

 

 

Wieder leises Gemurmel und Huschen über glatten Stein. Die Steinkammern jetzt leer. Nur ich sitze noch da und lausche dem Echo unseres Atems. Schwere wandelt sich zu Heimweh. Ich steige die Treppe wieder hinauf. Der Tag bricht an und die Sehnsucht bleibt.