Hoch über dem Meer bei Atatürk

oder die alten Steine von Teo und die Resonanz zu Heute…

 

8.4.

Der böige Wind ist vorbei und das blaue Meer erstreckt sich vor mir in einem großen Halbrund, die warme Sonne auf meinem Rücken. In der Ferne die Insel Samos. Atatürk, so nennt sich der Flecken hier. Weiter unten eine kleine Bucht. Vogelgezwitscher und Meeresrauschen. Ein wunderschöner Morgen breitet sich vor mir aus so ganz nach meinem Gusto. Ich laß mir Zeit, dräng mich nicht, dies oder jenes zu tun, sondern tauche in den Moment ein. Was für ein Luxus das so tun zu können!

 

 

 

 

 

Alte, uralte knorrige Olivenbäume und alte, alte Steine und Säulen einer vergangenen Zeit. Ich wandere durch das antike Teo. Nicht so berühmt wie Ephesos aber toll gelegen in diesem Olivenhain. Fast komme ich mir vor wie ein kleines Kind, das abseits dessen, was man gucken sollte, Schönheiten entdeckt.

Das blaue Tor des Schäfers, der weiter oben seine Ziegenherde grasen läßt. Die Innigkeit von Ziegenmama und Zicklein, der Ziegenpapa mit seinen gebogenen Hörnern, rote Mohnblumen, die durchs Gitter wachsen. Sie lassen sich nicht einzäunen und dann die uralten Olivenbäume, der knorrige Rinde vom Kommen und Gehen des Lebens erzählt.

 

 

 

 

 

Menschleins wandern heute hier und damals lebten sie einfach mit dem, was vorhanden war. Genauso wie wir heute, versuchten sie sich an ihrem Lebensglück und meisterten die Existenz. Die alten Steine lassen Prachtbauten erahnen in denen das Leben der „Reichen und Mächtigen“ anderen Rhythmen folgten, als das der einfachen Menschleins. Sie wollten gehuldigt und geehrt werden, anerkannt und bewundert. Im Tempel erzählten sie ihnen Geschichten, die sie auf den Bühnen theatralisch darstellten. So wurden die Menschen eingeschworen auf ihre untertänige Haltung. Die Priesterschaft mit ihrer sog. Nähe zu den Göttern nutzte seinen Einfluß. Mit Zuckerbrot und Peitsche prägten sie die Ängste und Hoffnungen. Heute haben wir vielleicht modernerer Mittel, aber das System ist das Gleiche. Eine herrschende Elite, die ihre Untertanen züchtigt und in Schach hält.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und wird die Elite dann irgendwann mal zu übermütig, zu selbstsicher treibt sie sich selbst in ihren Untergang. Das alte römische Reich erzählt davon. Brot und Spiele, Zuckerbrot und Peitsche und dann die Dekadenz des Überflusses der Wenigen. Stehen wir heute genauso wieder an dem Punkt, wo eine Kultur sich überlebt, weil ein paar Wenige meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und allen anderen in ihre eigene, ganz private Suppe spucken möchten.

 

 

 

 

 

Wir müssen so zurück zum Wesentlichen, zu der Eigenverantwortung des eigenen Lebens. Der Staat darf nicht mehr die Macht über unsere persönliche Lebensgestaltung haben. Denn diese sog. Staatsmänner wissen nix vom normalen Leben. Sie haben einfach keine Ahnung mit ihren sinnbildlich vollgefressenen Bäuchen und ihrer Ideologiegläubigkeit.

Gefangen im Netz von Vorstellung und Glauben, verfangen im Netz von Wünschen und Allmachtsphantsien, die mit der Wirklichkeit nix zu tun haben.

 

 

 

 

 

Werden in mehreren tausend Jahren Menschleins durch die Trümmer unserer Zeit laufen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte, das Ideologie und Vorstellung, die reale Wirklichkeit ersetzt? Welche Gesteins- oder Plastikbrocken werden sie dann ehrfürchtig anschauen, welche Einzelschicksale in Erzählungen lebendig werden lassen? Oder werden sie nur noch auf dem Bildschirm hin und herwischen, die Steine, die Erde, den Olivenbaum und die Ziege nur aus Bildern kennen?

Wird Platon’s Höhlengleichnis dann umgekehrt ablaufen? Die Menschen gehen von der Sonne und dem Licht in die Dunkelheit der Höhle und schauen nur noch Bilder einer vergangenen Welt, sind eingekerkert und gefangen, die Sinne verkümmert bis auf die Augen.

 

 

 

 

 

Die sog. 15min Städte wären Vorläufer davon. Das Leben spielt sich im Wohnzimmer vor dem Bildschirm ab. Nein, schreits in mir. So bitte nicht. Der Geruch der Erde, die Schönheit einer Blume, das Geheimnis eines Olivenbaumes, das Rauschen des Meeres, die Stille in der Weite, die Vielfältigkeit der Menschen, Vogelgeschnatter und die unterschiedlichen Talente, all das ist es, was wir beschützen müssen.

Im Wahn der Gleichmacherei darf die Individualität nicht geopfert werden,- um keinen Preis.

 

Spannend, was mir die alten Steine mir erzählen, worauf sie mein Augenmerk richten, welches Echo sie in mir auslösen. Einen Moment innehalten und die Natur in ihrer so ganz eigenen Art spüren, erleben und dann weitergehen.

Das ist der Fluß des Lebens!